Ein herzliches Willkommen in der Kirche mit Blaulicht!
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Wenn man des Nachts zur vollen Stunde durch die nördliche Uckermark fährt und an dem kleinen Ort Vierraden vorbeikommt, sieht man für eine Viertelstunde weithin ein blaues Licht scheinen.
Nichts Außergewöhnliches in deutschen Landen. Doch ungewöhnlich für das Bauwerk, von dem es leuchtet. Handelt es sich hier doch nicht um ein großes Kreditinstitut und auch nicht um eine Mineralölgesellschaft, bei denen man je nach Bedarf Portemonnaie oder Benzintank auffüllen kann. Nein, hier in Vierraden, der ehemals drittkleinsten Stadt der DDR können ganz andere, immaterielle Reserven aufgetankt werden.
Das Kreuz auf dem Turm, zu dem das blaue Lichtband gehört, macht sehr schnell klar, dass es sich bei der Lichtquelle um eine Kirche handelt, – die Kreuzkirche
zu Vierraden. Und diese Kirche besitzt eine weitere Besonderheit gegenüber ihresgleichen, indem ihr etwas fehlt, – das Dach. Doch von vorn:
Erbaut wurde die ehemalige Stadtkirche Vierraden 1788 vom Landes-baumeister Berlischky als sein letztes größeres Werk. Eines der wenigen weiteren Berlischky-Bauwerke befindet sich im benachbarten Schwedt, zu welchem Vierraden mittlerweile gehört. Der nach seinem Erbauer benannte Pavillion wurde lange Zeit von der französich- refomierten Gemeinde als Gotteshaus genutzt. Doch nicht nur der gemeinsame Vater verbindet die beiden. Die Glocke des Berlischky- Pavillions leistet heute ihre besonderen Dienste in der Kreuzkirche zu Vierraden.
Am 20. April 1945 wurde die, damals noch Stadtkirche Vierraden genannte Kirche, wie fast 90% der Gebäude dieser kleinen Tabakarbeiterstadt, ein Opfer des Kriegsbrandes. Die Pläne zum Wiederaufbau scheiterten in den Jahres des Sozialismus nicht nur am fehlenden Baumaterial, sondern auch an den politischen Ränkespielen des Staates. So kam es, dass Mutter Natur Besitz ergriff und die Kirchruine in einen über fünfzig Jahre währenden Dornröschenschlaf fiel.
Die Wende brachte nicht nur die politischen Veränderungen, sondern auch frischen Wind in die Ruinenmauern.
1990 wurde die Ruine unter Denkmalschutz gestellt,
1994 ein Baugutachten in Auftrag gegeben.
1999 kam nicht der Prinz, der sie wach küsste, sondern ein neuer Pfarrer in den Ort, dem es mit seinem Enthusiasmus gelang, den noch immer nicht
ganz ausgeträumten Traum der Vierradener vom Wiederaufbau ihrer Kirche ans Licht zu holen. Er mobilisierte einen Freundeskreis, der noch heute aktiv ist.
Durch dessen Engagement, durch zahlreiche Sponsoren, durch die unermüdliche Aktivität der Bevölkerung und nicht zuletzt durch die hervorragende Arbeit der Architektin Bettina
Krassuski, wurde aus den ursprünglichen Plänen zur Sicherung der Mauerkrone inzwischen wieder eine Kirche, die am 11. Mai 2003 durch ihre Einweihung, welche der Landesbischof persönlich vornahm, ihrer ursprünglichen Bestimmung zugeführt wurde. Nach 56 Jahren finden hier nun wieder Taufen, Trauungen, (goldene) Konfirmationen statt, die durch ihre wettertechnische Abhängigkeit immer auch ein bisschen spannend bleiben.
Der Gemeinderaum, der bislang als Kirchsaal diente und dient, ist hinsichtlich seines Fassungsvermögens von Besuchern bei größeren Gottesdiensten, am Rande seiner Kapazitäten. Und auch im städtischen Leben dieses Schwedter Ortsteils fehlt es an einem größeren Gebäude. Deshalb wurde aus der Not eine Tugend gemacht und in einem Nachnutzungsvertrag die gemeinsame Nutzung des Gebäudes festgeschrieben und ein Zusammenwirken zwischen Kirchgemeinde und Kommune beim Wiederaufbau geregelt.
Die Grenzen in der Zusammenarbeit sind fließend. In den vergangenen Jahren fand hier der Weihnachtsmarkt mit Krippenspiel seine Heimat, das traditionelle Tabakblütenfest bezieht die Kreuzkirche in den Veranstaltungsablauf ein. Hier musizierten in den acht zurückliegenden Sommern Männer- und gemischte Chöre, Saxophonquartette und Klarinettenconsorts, hier fanden Lesungen und Turmbesteigungen statt.
Apropos Turm. Der vollständig rekonstruierte und ausgebaute Turm bietet Räumlichkeiten für die Sitzungen diverser Gremien, für den Konfirmanden- und Christenlehreunterricht, für Bibellese, Feierlichkeiten und, und, und… Und er hat bereits ein Dach.
Über kurz oder lang wird auch die Freiluftkirche ein teilüberdachtes Kirchenschiff erhalten, so sehen es die Pläne vor.

Doch bis dahin ist eine Kirche ohne Dach unschlagbar im Vorteil, wenn es darum geht, in Familiengottesdiensten Tauben oder Luftballons in den Himmel zu schicken, wenn zum Krippenspiel echter Schnee den Altar schmückt, wenn bei Konzerten der Sternenhimmel die Atmosphäre zaubert…
Doch das Allerschönste an der „Auferstehung“ der Kreuzkirche zu Vierraden, – die ihren Namen übrigens seit 2002 nach Umfrage in der Bevölkerung und auf Beschluss des Gemeindekirchenrates trägt, weil der ursprüngliche Name auf Grund der fehlenden Kirchenbücher nicht mehr ermittelbar war – das Schönste ist, dass ihr Wiederaufbau Menschen vereint, ungeachtet ihres (Nicht-)Glaubens, dass sie Talente hervorbringt, die ihre Besitzer oft selbst nicht ahnten und dass sie ein Zeichen dafür setzt, dass Menschen nicht nur zerstören, sondern Wunder wahr werden lassen können.
Und manchmal ertappt man Einheimische bei einer neuen Zeitrechnung, wenn sie die Dauer von Ereignissen, Besuchen oder Gesprächen anhand von „blauen Phasen“ messen.